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Quitting Social Media?

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In den letzten Tagen ging in den Medien ein Video um, das die Vloggerin Essena O’Neill unter Tränen aufgenommen und mittlerweile auch schon gelöscht hat. Genauso wie alles, was sie auf ihren viel besuchten social media Kanälen gepostet hatte. Vielen Betrachtern des Videos ging der Inhalt sehr nahe, und scheinbar hat das Mädchen ein Gefühl beschrieben, dass viele selbst hatten, aber nicht benennen konnten: Das „perfekte“ Leben des social media Stars existiert nicht, es ist alles nur eine große Marketing-Masche und ein Fake. Für dich als Menschen hinter dem Account interessiert sich hier keiner! Deshalb kehrt Essena nun der digitalen Welt den Rücken zu.

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So hat letters & beads angefangen; hässliche Collagen, gruselige Bildeffekte. Aber so was war beim Bloggen früher noch drin. Heute fährt man mit solchen Bildern seinen Karren an die Wand

Was hat das noch mit dem Bloggen zu tun, wie es einmal gedacht war?

Das von einer Person, die innerhalb des Dunstkreises der Szene als erfolgreich galt. Der Wunsch, stets erfolgreicher zu sein, war immer da. Nie waren es genug Follower oder Daumen hoch. Das Gefühl kennen viele von uns Bloggern auch. Ich zum Beispiel kann sicher nicht behaupten, so erfolgreich mit meinem Blog unterwegs zu sein, wie ich es gerne hätte. Auch ich wünschte mir mehr Leser, mehr Follower auf Instagram, eine riesige Resonanz auf Facebook-Beiträge. Und schon jetzt tue ich so einiges, damit das passiert; ich sende Anfragen, knipse tausende Fotos mit einer teuren Kamera, bearbeite Bilder mit Photoshop und achte darauf, dass möglichst aussagekräftige Wörter für die große Suchmaschine in meinen Beiträgen auftauchen. Aber was hat das noch mit dem Bloggen zu tun, wie es einmal gedacht war? Völlig unbedarft hat man damals angefangen, unter Zuhilfenahme von schlecht beleuchteten Bildern von sich selbst und der Welt auf dem eigenen Web-Log zu erzählen. Keine Suchmaschinenoptimierung, keine Sponsoren, kein Kommerz, und kein Erfolgsdruck. Nur eine Person, ein Autor, der sich präsentiert. So habe auch ich vor drei Jahren angefangen mit letters & beads.

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Inzwischen werden bei Instagram die schönsten Bilder vorab sorgfältig vorbereitet

Als ich jünger war, hatte ich Angst was zu verpassen, wenn ich nicht ausgegangen bin. Heute habe ich Angst, was zu verpassen WENN ich ausgehe.

Das Gesicht der Bloggerlandschaft hat sich inzwischen deutlich verändert. Wir sind Teil einer großen Maschine geworden, die Produkte an den Mann bringen soll, in einer durchkalkulierten Art und Weise. Authenzität und Spontanität wird man bei vielen, gerade namhaften Bloggern, oft nicht mehr so vorfinden, wie sie früher das „Genre“ bezeichnet hat. Durch diesen Fokus, der beim Bloggen nun voll auf das Verkaufen der eigenen Person und von Produkten liegt, entsteht vor allem ein straffer Zeitplan und Leistungsdruck. Kannst du Deadlines nicht einhalten und erreichst mit deinem Beitrag nicht die gewünschte Anzahl an Likes, wirst du als Kooperationspartner für Firmen unattraktiv. Also musst du dich als Blogger voll in die Vermarktung reinhängen, immer erreichbar sein. Man stelle sich das mal vor: als ich jünger war, hatte ich Angst was zu verpassen, wenn ich nicht ausgegangen bin. Heute habe ich Angst, was zu verpassen wenn ich ausgehe. Denn es könnte ja sein, dass ich in der Zeit online mehr Likes und Follower hätte an Land ziehen können. Dabei verliert man sich in einer Welt, in der man als – reale – Person aber gar nicht mehr wahrgenommen wird. Und während die meisten Blogger wie wild wegen ein paar Krümeln ackern, die große Firmen einen zuwerfen (in Form von kostenlosen Produkten o.Ä.), haben die Firmen wiederum den ganzen Kuchen für sich. Schließlich wurde fast für lau für sie durch Blogger die Werbetrommel gerührt. Das ist aber meist völlig unverbindlich, und persönlicher Kontakt zwischen Bloggern und Firmen hat Seltenheitswert.

Fiktive Zahlen und falscher Ruhm

Nun war aber Essena eine der wenigen, die quasi zu den „oberen Zehntausend“ der social media gehörte. Sie hatte den Kuchen, und hat auch davon genascht, aber schnell ist ihr schlecht davon geworden. Sie konnte nicht begreifen, dass sie soviel in die digitale Welt investiert hat, in der fiktive Zahlen ausdrücken, wie beliebt man bei den Leuten ist. Für einige Blogger sind diese fiktiven Zahlen jedoch sehr real, gerade wenn man als Blogger sein täglich Brot verdient. Aber ich selbst merke so oft, wie wichtig mir diese Zahlen geworden sind, die für meine Realität, mein Leben eigentlich keine Rolle spielen. Ich bin Marketing-Volontärin von Beruf, und Hobby-Bloggerin, mir würde also nicht am Ende des Monats das Geld auf dem Konto fehlen, nur, weil ich einen Kooperationspartner für den Blog verloren habe. Warum also machen ich und so viele andere Leute sich so verrückt wegen dieser unwichtigen Zahlen und dem „falschen“ Ruhm? Warum lassen wir uns so von der glatten Oberfläche eines tollen Instagram-Profils blenden? Am Beispiel von Essena sehen wir ja alle, dass auch hier nicht immer alles so ist wie es scheint; tiefe Freundschaften hat sie als social media Star nicht geschlossen, und wahres Interesse wurde ihr als Person auch nicht entgegengebracht.

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Einfach cool bleiben! Hinter jedem aufgehübschten Foto steckt eine stinknormale Person

Das perfekte Leben gibt es nicht

Auch wenn das Ganze hier ordentlich pessimistisch klingt, will ich nicht die Botschaft unterstützen, dass social media (oder Firmen, die sie nutzen) böse sind. Damit würde man es sich zu einfach machen. Ich will damit aber sagen, dass wir uns immer bewusst sein müssen, was wir als Medienkonsumenten sehen, und was wir als Blogger als Botschaften senden. Es ist natürlich so, dass uns social media eine tolle Plattform bieten, uns selbst im besten Licht zu inszenieren, dass das Spaß machen kann, einen neue Leute und Dinge kennenlernen lässt und eine tolle Inspirationsquelle ist. Wir stellen uns online alle besser/ interessanter/ schöner dar, als wir es wirklich sind. Aber eine Inszenierung ist eben auch immer etwas Künstliches; wer glaubt, dass der Mensch mit den auf Hochglanz polierten Instagramfotos rund um die Uhr so glamourös lebt wie es aussieht, lässt sich blenden. Das perfekte Leben gibt es nicht – und das ist in Ordnung. Selbst die erfolgreichste Bloggerin wacht morgens mit Mundgeruch auf.

Der Zyniker in mir ist sich ziemlich sicher, dass Essena ihren Weg in die sozialen Medien schnell wieder finden wird. Hoffentlich dann aber mit einem gesteigerten Bewusstsein dafür, dass social media eine feine Sache sein können, aber dass das echte Leben eben doch nicht im Handy stattfindet.

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